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Mittelalterliche Truhe selbstgebaut (Teil 3)

Truhe_Hinten

Im letzten Teil dieses Bauberichtes geht es um die Montage der Scharniere an unserer Truhe nach mittelalterlichem Vorbild. Auch hier wird wieder mit geschmiedeten Nägeln gearbeitet.

Vorbereiten der Scharniere

Die perfekten Scharniere für so eine Truhe wären natürlich echte geschmiedete Scharniere. Diese sind aber zum einen sehr schwer zu bekommen, zum anderen aber auch recht teuer. Preise von 150 EUR pro Paar sind hier schon eher als günstig zu bezeichnen.
Wir haben uns daher für normale Scharniere entschieden, wie diese im gut sortieren Fachhandel zu bekommen sind. Ja, das Lochmuster ist fürs verschrauben optimiert, aber damit müssen wir halt leben.

Allerdings sind diese mit einer gelben Zinkphosphat Oberfläche gegen Rost geschützt. So sinnvoll dies für den vorgesehenen Zweck ist, so unpassend ist dies für unser Projekt einer mittelalterlichen Truhe.

Abhilfe ist aber recht einfach möglich. Die Scharniere werden über Nacht in eine flachen Schale mit Essigessenz gelegt. Das löst die gelbe Verzinkung auf und das Problem ist gelöst.
Essigessenz ist 25%ige Essigsäure die in destilliertem Wasser gelöst ist. Man diese im Lebensmittelgeschäft seiner Wahl finden. Ich kaufe hier die billigste Sorte beim Discounter – da kosten 0,5 Liter gerade mal 69 Cent.

Am nächsten Morgen ist die Verzinkung verschwunden und die Beschläge sind das blanke Eisen.

Natürlich müssen diese Metallteile jetzt gründlich mit Seifenwasser abgebürstet und gespült werden, damit die Essigsäure vollständig entfernt wird. Anschließend werden die Scharniere dünn mit farblosem Lack behandelt damit diese nicht rosten.

Montage der Scharniere

Um die Scharniere am Korpus der Truhe zu montieren, muss zuerst eine Aussparung für die Drehpunkte ausgearbeitet werden.

Dazu werden zunächst die Positionen der Scharniere angezeichnet. Dabei muss man natürlich darauf achten, nicht mit der Beilade und deren Deckel in Konflikt zu kommen.

Im ersten Schritt werden die Vertiefungen für die Scharnierbänder ausgearbeitet. Das ist nötig, damit später der Deckel bündig auf dem Korpus aufliegt. Mit der Säge einen Schnitt in der Stärke des Scharnierbandes, dann mit dem Beitel das Material ausstemmen.

Nach dem Austemmen der Fläche folgt das bündige Einpassen des Scharnierflügels.

Es wird die Breite der Achse angezeichnet und es folgt das Ausarbeiten der passenden Nut. Zuerst mit der Säge ein paar Schnitte setzen.

Der Rest der Nut wird dann wieder mit dem Beitel ausgearbeitet. Wichtig dabei dass der kleine, senkrechte Scharnierflügel wirklich flächig auf dem Holz aufliegt, sonst gibt es später Probleme beim annageln.

Weiter geht es mit dem Anpassen des Deckels. Dazu haben wir zunächst das Scharnier provisorisch mit ein paar kleinen Linsenkopfschrauben befestigt.

Dann wurden jeweils am Scharnierflügel in den Bohrungen der oberen und unteren Position je ein Loch randnah für die Nägel vorgebohrt. Damit ist der Scharnierflügel trotz der größeren Bohrung mit den beiden Nägeln fixiert.

Der überstehende Nagel wird mit einer Zange umgebogen – zuerst um 90 Grad.

Dann ein weiteres Mal der Rest um 30 Grad – dabei idealerweise direkt über dem Holz gebogen.

Mit einem 500g Hammer in der Vorderzange improvisiere ich einen kleinen Amboss auf dem dann der Nagelkopf aufgelegt wird, während der gebogene Nagel auf der Oberseite des Truhendeckels umgeschlagen wird.

Auch hier wird wieder im rechten Winkel zur Faserrichtung des Deckels umgeschlagen. Würde man in Faserrichtung umschlagen, spaltet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit das Holz. Wenn die ersten beiden Nägel fixiert sind, werden die Schrauben entfernt, Löcher gebohrt sowie auch hier Nägel ein- und dann umgeschlagen.

Der Deckel wird mittig auf der Truhe ausgerichtet und die kurzen Scharnierflügel werden ebenfalls vorgebohrt. Die Köpfe der Nägel müssen hier außen liegen, damit später das umbiegen auf der Innenseite erfolgt. Nur so kann bei montiertem Decken eine Metallunterlage untergelegt werden.

Wie zuvor schon werden die Nägel wieder doppelt umgebogen.

Die Truhe wird auf die Werkbank gelegt, wobei um Bereich der Nägelköpfe wieder eine Metallplatte untergelegt wird. Nun können die Nägel umgeschlagen werden.

Zum Schluß hat die mittelalterliche Truhe noch ein paar dünne Buchenholzplättchen auf die Standflächen der Füße genagelt bekommen. Damit wird zum einen verhindert dass über die offenen Holzenden Feuchtigkeit aus dem Boden aufsteigen kann, zum anderen bekommt das relativ weiche Paulownia-Holz einen Schutz vor Verschleiß beim verschieben der Truhe.

Und damit ist der Bau der mittelalterlichen Truhe abgeschlossen. Es wird zwar noch eine Oberflächenbehandlung mit Leinölfirnis folgen, aber zu diesem simplen Vorgang werde ich keinen weiteren Beitrag mehr schreiben.

Die fertige mittelalterliche Truhe

Hier noch ein paar Bilder der fertigen Truhe.

Statistik zum Schluß

Weil ich immer wieder danach gefragt werde: Alles in allem haben wir hier zwei Platten Paulownia-Leimholz für ca. 80 EUR, verschiedene geschmiedete Nägel für ca. 10 EUR und ein Paar Torscharniere für 12,50 EUR verarbeitet. Die gesamte Bauzeit betrug ca. 12 Stunden.

Dank der Verwendung des Paulownia-Holzes ist die Truhe sehr leicht und gut zu transportieren. Das Gewicht beträgt nur knappe 5,5kg !

Und das Scharnier gibt ein schönes, knarzendes Geräusch beim Öffnen.

 

 

 

3 Kommentare zu “Mittelalterliche Truhe selbstgebaut (Teil 3)

  1. Danke für die Anleitung. Es ist echt erstaunlich, wie viel Zeit eine solche Truhe in Anspruch nimmt.

    • Also aus meiner Sicht ging das Projekt recht schnell, da wir ja mit Elektrowerkzeug gearbeitet haben. Aber na klar, ein 6-Minuten YouTube Projekt ist es nicht.

  2. Eine sehr schicke Truhe und eine detaillierte und verständliche Anleitung.
    Vielen Dank dafür, das Projekt wird sicher im nächsten Urlaub angegangen.
    LG

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