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Oberflächen behandeln? Oberflächen behandeln!

Die Oberflächenbehandlung ist das Stiefkind vieler Holzwerker. Und die Gründe sind auch schnell ausgemacht: Ein nahezu unüberschaubares Angebot an Produkten im Baumarkt, ein fehlender kompetenter Farbenfachhandel (der leider untergegangen ist), die Furcht das soeben mühsam geschaffene Werk mit einer falschen Oberflächenbehandlung zu verhunzen.

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Kann da jetzt ein Buch wie „Oberflächen behandeln“ aus dem Vincenz-Verlag weiterhelfen?

Kurz nachdem ich die Tiroler Truhe fertiggestellt hatte, hat mir der Vincenz-Verlag ein Rezensionsexemplar seines neuesten Buches „Oberflächen behandeln“ von Melanie Kirchlechner zugesandt. Das kam hier natürlich wie gerufen und ich habe mit dem Lesen begonnen. Und weil das Werk recht umfangreich ist und ich eine tiefergehende Rezension liefern wollte hat das eine Weile gedauert.

Der Inhalt des Buches

Das Buch beginnt in  Kapitel 1 mit der Erklärung der Grundlagen des Werksstoffes Holz und was dies für die Oberflächenbehandlung für Folgen hat. Schon hier gibt es für mich die ersten Aha-Erlebnisse im Bezug auf Leimholzplatten. Sehr gut und verständlich beschrieben!

In Kapitel 2 versucht die Autorin den Dschungel der Begriffe für die verschiedenen Oberflächenmittel zu lüften. Allerdings bleibt hier am Ende nur die Erkenntnis, dass viele Hersteller da ziemlich schlampig und ohne klare Systematik ihre Produkte bezeichnen.

Nach diesen beiden eher theoretischen Abschnitten beginnt in Kapitel 3 die Praxis. Es wird das Thema Schleifen als Grundlage für die nachfolgende Oberfächenbehandlung erklärt.  Danach folgt die Beschreibung praktischer Methoden um die jeweilige Oberfläche optimal vorzubereiten. Sehr gut gemacht.

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Mit dem Thema Beizen geht es in Kapitel 4 weiter. Was ist Beizen, woraus ist eine Beize gemacht, wann ist Beizen die richtige Methode der Oberflächenbehandlung? In diesem Kapitel werden alle diese Fragen umfassend beantwortet. Ausführliche Tabellen geben hier einen sehr guten Überblick.

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Es folgen die Lasuren in Kapitel 5. Warum ist eine Lasur eine Lasur, wo wendet man diese an, wo sind die Grenzen des Lasierens. Insgesamt ist dieses Thema jedoch vergleichsweise knapp dargestellt, für den Praktiker ausreichend.

Im Kapitel 6 geht es um das Ölen von Holzoberflächen. Da dieses Thema recht komplex ist, hat auch dieser Teil des Buches einem Umfang von über 26 Seiten. Hier werden nicht nur die verschiedenen Öle und deren Verarbeitung sondern auch die langfristige Pflege geölter Oberflächen erläutert. Sehr lesenswert.

Wachsen von Oberflächen ist der Inhalt von Kapitel 7. Auch hier wird das Thema breit angesprochen und die verschiedenen Wachsarten werden vorgestellt. Die Grundlagen der Verarbeitung werden erklärt und das behandeln von Schäden an gewachsten Oberflächen. Insgesamt aber ein etwas kurzes Kapitel, da würde ich mir mehr wünschen.

Lackieren als eine der bekanntesten Methoden zur Oberflächenbehandlung wird in Kapitel 8 umfassend dargestellt. Neben den technischen Grundlagen der verschiedenen Lackgemische wird auch erklärt, warum der „wasserbasierte Lack“ trotz blauem Engel niemals ohne Atemmaske gespritzt werden sollte. Im Praxisteil wird dann erläutert wann am besten der Pinsel, die Lackierrolle oder die Spritzpistole zur Anwendung kommen sollen. Für die Praxis unverzichtbares Grundlagenwissen.

Mit Kapitel 9 wird die Werkstatt verlassen und das Buch wendet sich dem konstruktiven Holzschutz, also den Holzoberflächen im Freien zu. Wie müssen Zäune, Fensterrahmen, Fassadenteile usw. konstruktiv gestaltet werden, damit das Holz den Witterungseinflüssen möglichst lange wiederstehen kann. Leider wird vieles nur kurz angerissen und kann daher nur einen Hinweis auf das Thema geben.

Die wasserbasierten Mittel zur Oberflächenbehandung werden in Kapitel 10 nochmals vertiefend behandelt. Wie „umweltfreundlich“ sind diese wasserbasierten Mittel tatsächlich? Antwort: Nicht wirklich so viel besser als die konventionellen, lösungsmittelhaltigen.

In Kapitel 11 wird das Auftragen der verschiedenen Oberflächenmittel umfassend erklärt. Welchen Pinsel sollte man wann einsetzen, was sind die Qualitätskriterien. Welche Vorteile hat eine Farbrolle und wie arbeitet man damit? Und dann sehr ausführlich das Arbeiten mit der Farbspritzpistole. Welche Fehler kann man dabei machen und wie vermeidet man diese? Wieder ein sehr informatives Kapitel.

Mein Gesamteindruck

Endlich ein umfassendes Werk mit aktuellen, modernen Methoden zur Oberflächenbehandlung von Holz – und das auch noch in deutscher Sprache. Grundlage sind die bei uns für jedermann erhältlichen Produkte und keine exotischen Substanzen. Das ist praxistauglich!

Die Autorin Melanie Kirchlechner schreibt im Vorwort dass in diesem Buch über 24 Jahre Erfahrung stecken und das erkennt man auch. Die gesamte Breite der Themen wird in Ihren Grundlagen dargestellt und auch mit vielen Hinweisen für die Praxis ergänzt.  Auf rund 204 Seiten wird ein  umfassender Überblick über das Thema „Oberflächenbehandlung“ von Holzoberflächen gegeben. Die Texte sind gut verständlich und können problemlos in kleinen Häppchen gelesen werden. Die Struktur den Buches ist so gegliedert, dass es auch als schnelles Nachschlagewerk taugt.

Besonders hervorzuheben ist die wirklich erstklassige Auswahl der Bilder und der Umstand dass diesmal die Layouter des Buches dankbarer Weise darauf verzichtet haben, die Fotos auf Briefmarkengröße zu schrumpfen. An vermeidbarem Leerraum auf einzelnen Seiten muß bei künftigen Buchprojekten aber noch ein wenig gearbeitet werden 😉

Aber das Buch hat auch seine Grenzen. Durch den Anspruch des Buches das Thema Oberflächenbehandlung sehr breit darzustellen leidet naturgemäß ein wenig die Tiefe einzelner Kapitel. Gerade das Thema Lasuren ist doch sehr knapp behandelt und der Aufbau mehrschichtiger Oberflächenbehandlungen wie zum Beispiel Öl/Wachs oder Beize/Öl wird eigentlich gar nicht behandelt. Dies schmälert den Nutzwert dieses Buches für den Praktiker ein wenig.
Hier hätte man das Buch zu Gunsten der Tiefe der einzelnen Kapitel lieber thematisch ein wenig beschränken sollen.

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Digitale Zugabe

Im Buch gibt es einen Code mit dem man über das Internet weitere Bonusinhalte aus der Holzwerken-Reihe abrufen kann. Folgt man der Beschreibung so kann man sich wahlweise ein PDF des „Werkzeugkompass 2015“ oder aber verschiedene ältere Ausgaben der Zeitschrift „Holzwerken“ herunterladen. Das ist eine nette Beigabe.

Mein Wunsch an den Verlag

Jetzt wünsche ich mir noch eine Ergänzung des Buches durch einen ganz stark praxisorientierten Band. Dort sollten dann anhand und Vorgehensweisen einige praktische Aufgabenstellungen ganz konkret und Schritt-für-Schritt beschrieben werden. Also zum Beispiel wie bekomme ich eine glänzende, belastbare Oberfläche für einen Tischplatte, Oder mit welchen Produkten kann ich eine farbig gebeizte und gewachste Möbeloberfläche herstellen? Was tun bei einem Schaukelpferd für kleine Kinder?
Dies könnte zum Beispiel als anschauliches Heft aus der Reihe „Werkstatt-Kurs“ zusammen mit einer DVD erscheinen. Und da dürfen dann durchaus auch konkrete Produkte und ihre Hersteller genannt werden, welche die einzelnen Schritte nachvollziehbar machen.

Was denken die Leser meines Blogs zu diesem Vorschlag eine „Kochrezeptsammlung“ für die Oberflächenbehandlung zu erstellen? Egal ob man dem zustimmt oder nicht, konstruktive Kommentare sind willkommen.

Was sagen andere Holzwerker?

Das Buch „Oberflächen behandeln“ wurde auch schon von anderen Bloggern rezensiert. Die Rezensenten sind der Andi vom Alwaysworkingman, Holzwurm Tom  und Patrick der Holzwerker.

Übrigens: Die persönliche Webseite der Autorin Melanie Kirchlechner findet man unter der Adresse  holz-sinn.de. Dort sind auch die aktuellen Kurstermine gelistet, wenn man die Autorin einmal persönlich in Aktion erleben möchte.

Mein Fazit

Werkstoffe, Materialien, Werkzeuge – hier werden alle grundlegenden Fragen der Oberflächenbehandung von Holz kompetent beantwortet. Dieses Werk hat alle Voraussetzungen um ein echter „Klassiker“ zu werden und gehört nach meiner Meinung in das Bücherregal eines jeden Holzwerkers der sich zu diesem Thema einen Überblick verschaffen will. Die umfassenden Grundlagen der Oberflächenbehandlung von Holz aus europäischer Sicht gibt es in dieser Breite bisher ansonsten nirgends. Aus meiner Sicht für alle am Thema interessierten Holzwerker eine Kaufempfehlung.

Und zum Schluß noch die Antwort auf die Frage, ob mir das Buch bei der Auswahl der Oberflächenbehandlung meiner Tiroler Truhe weitergeholfen hat: Ja, im Sinne von was ich definitiv nicht anwenden werde. Was ich aber konkret mache ist noch nicht entschieden.

Wer meinen Blog unterstützen möchte, kann das Buch „Oberflächen behandeln“ über diesen Link bestellen:

8 Kommentare

  1. Hallo Wolfram,

    tolle Rezession des Buches, meiner Meinung, sogar die beste die zu lesen ist.

    Denke, nach dieser Vorstellung wird das Buch den Weg in meine Bibliothek finden.

    Dann hoffen wir das der Verlag Deine Vorschläge noch umsetzen wird, das alles wirklich 100%rund wird.

    Ebenso drücke Dir die Daumen das Du die richtige Methode findest für die Truhe.

    Gruß Tommy

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  2. Man sieht besonders bei solchen Stücken, dass das Printmedium eben doch noch nicht vom Tisch ist – Im wahrsten Sinn des Wortes 🙂 Und die Qualität von Informationen, die dann von einer erfahrenen Autorin oder am Beispiel von Fachzeitschriften einer Redaktion kommen, ist nicht zu unterschätzen – Wobei auch hier vieles nicht Gold ist, was glänzt…

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    • Tja, beim Print gibt es eine große Bandbreite – vom Buchstabenramsch bis wertvolle Fachinfo. Da wird es demnächst noch einen Artikel von mir den den verschiedenen Print-Medien (national und international) geben. Aber dieses Buch ist wirklich ein gutes Grundlagenwerk.

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  3. Hallo Wolfram, hallo Marc,

    ich glaube nicht, dass Printmedien und vor allem Bücher so schnell vom Markt verschwinden werden. Ich arbeite mich gerade in eine umfangreiche Software neu ein. Dazu habe ich mir passende Literatur besorgt. Damit bin ich viel schneller, als wenn ich mir alle Informationen häpchenweise im Internet zusammensuchen würde. Das große Problem der unheimlich vielen Informationen im Internet ist, dass sie nicht strukturiert sind. Viele Autoren schreiben einzelne Artikel zu vielen Themen. Das ist bei einem Buch eben anders. Der Autor strukturiert das Thema über das er schreibt und man hat im idealfall alle relevanten Informationen an einem Ort. Ob dieses Buch dann elektronisch vorliegt oder in papierform ist erst einmal uninteressant.

    Bücher zwingen den Autor auch zu viel mehr Sorgfalt, als es onlineinhalte tun. Ein Fehler in einem Blogbeitrag kann schnell geändert werden. Ein Buch, das gedruckt ist, ist nunmal gedruckt.

    Die große Herausvorderung für die Verlage wird es in Zukunft sein, die gedruckten Inhalte mit online verfügbaren Informationen zu verknüpfen. Meiner Meinung nach macht der Rheinwerk Verlag (ehamals Galileo Press) das sehr gut. Und wie man sieht fängt auch der HolzWerken Verlag damit an. Das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung.

    Und Menschen, die gerne und viel lesen wollen auch in Zukunft das haptische Erlebnis eines Buches in der Hand nicht missen.

    Gruß

    Heiko

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    • Hallo Heiko,
      grundsätzlich stimme ich Dir mit den Printmedien zu. Gerade Bücher werden noch eine lange Perspektive haben – allerdings abhängig vom Inhalt. Beispiel Computerbücher: Die kaufe ich fast nur noch als eBook – u.a. auch weil die so schnell veralten. Nach 2 Jahren ist das meistens Altpapier. Ein Buch über das Holzwerken hingegen ist noch in 10 Jahren lesenswert, weil sich Arbeitstechniken nicht so gravierend verändern. Das kaufe ich auf jeden Fall gedruckt.
      Bei den Zeitschriften sehe ich größere Probleme. Da wird vielfach vom Leser Aktualität gefordert und da ist Print dem Internet weit unterlegen. Auch die Möglichkeiten eines Dialogs zwischen Leser und Autor fehlen in der Regel. Und wenn dann noch der Verlag überwiegend von den Anzeigenerlösen abhängig ist, dann mutiert das ganze sehr schnell zu einem Lobhudelblättchen ohne echte Fachinformation. Das merken die Leser, die Auflage sinkt und irgendwann ist die Zeitschrift wirtschaftlich am Ende. Das ist gerade bei einigen Blättern live zu beobachten.

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  4. Hallo Wolfram,

    vielen Dank für die ausführliche und konstruktiv-kritische Rezension.

    Ich sehe es genauso wie Du bei Papier vs. elektronisch. So ein Holzwerkenbuch möchte ich auch mal mit in die Werkstatt nehmen können, ohne dass ich auf ein elektronisches Gerät aufpassen muss (Staub, Beschädigung etc.). Und wenn der Inhalt dauerhaft relevant bleibt, ist er in diesem Fall auf Papier gut zugänglich.

    Romane hingegen oder Bücher, bei denen ich viel anstreichen will, sind mir als PDFs oder E-Books lieber. Romane, weil sie dann nach dem Lesen keinen Platz wegnehmen und Sachbücher, weil Anstreichen mit einer guten Reader-App mit dem Finger einfach praktischer ist.

    Herzliche Grüße,
    Andreas (http://holzhandwerk.andreas-kalt.de)

    Antworten
    • Ja, die ersten ebooks hatte ich 1996 auf dem Palm PDA gekauft. Ich habe zwar noch Backups der Daten, aber Lesen kann ich diese mangels funktionieredem Palm PDA schon lange nict mehr. Deshalb hat bei „langlebigen“ Informationen immer noch das gedruckte Buch die Nase vorn.

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  5. Vielleicht bin ich altmodisch aber ich lese ausschließlich Bücher auf Papier gedruckt.

    Danke für die tolle Rezession ich werde mir das Buch kaufen!

    Kochrezeptsammlung für die Oberflächenbehandlung von dir würde ich sofort lesen 🙂

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